Ostschweizer Physiotherapie Symposium Samstag, 9. Juni 2018

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Am Samstag, 9. Juni 2018 fand im Würth Areal in Rorschach das diesjährige Ostschweizer Physiotherapie Symposium zum Thema „Herausragende Therapien – die anderen 50%“ statt. Dazu trafen sich ca. 80 interessierte Physiotherapeutinnen und -therapeuten und schon der erste Referent, nahm mit seinen Ausführungen den Anwesenden die Illusion, dass nur ihre Auswahl an Techniken der Weg zum Erfolg sei.

Prof. Marco Testa aus Genua, nahm mit seinen Ausführungen den Anwesenden die Illusion, dass nur ihre Auswahl an Techniken der Weg zum Erfolg sei. Es beinhaltet so viel mehr. Er erklärte den Zuhörenden was und wie Placebo und Nocebo wirkt, häufig infolge einer positiven aber auch negativen Konditionierung in der Biografie. Diese so genannten Kontextfaktoren machen bis zu 80 % des Therapieerfolges aus! Deshalb plädiert Marco Testa dafür, dass wir den uns anvertrauten Menschen positiv beeinflussen sollen, zum Beispiel in dem wir ihm mit einer freundlich positiven Einstellung gegenüber treten. Wenn wir uns zuerst für sie und nicht nur für ihre Röntgenbilder interessieren. Es ist auch sehr wichtig den Patienten zu erklären was und warum man das tut. Der Behandlungserfolg steigert sich nur schon durch diese einfache Massnahme. Freundlichkeit, Zuwendung, Empathie und eine wertschätzende Kommunikation heilen, wie viel grösser ist der Effekt, wenn dann noch die richtige Technik dazu gewählt wird... – Da fällt mir spontan ein Satz von Urs Gamper, unserem Ehrenpräsidenten ein, der sinngemäss etwa so lautet: Es geht dem Patienten besser, obwohl er Physiotherapie hatte.
Simone Albert, vom Felix-Platter Spital aus Basel, sprach über das Selbstwirksamkeitsverhalten in der Physiotherapie. Sie erklärte, dass es häufig nicht an der Motivation fehle sondern am Durchhalten, in Erwartung ein Ziel zu erreichen.
Eine Selbstwirksamskeitserwartung (SWE) ist der Glaube an die persönlichen Ressourcen. Es gibt generelle und spezifische SWE’s, und sie sind eine zentrale Steuergrösse des Verhaltens.
Eigene Erfahrungen ob positiv oder negativ beeinflussen das SWE sehr. Die verbale positive Unterstützung ist das schwächste Glied, aber unterstützt. Man soll die Wahrnehmung der eigenen Gefühlsregungen unbedingt aufnehmen und darüber sprechen. Den Behandlungsplan soll man mit Flexibilität ausstatten und den Patienten führend ‚an der Hand‘ nehmen ihn aber wieder loslassen.

Wegen einer Termin-Kollision wurde Prof. Tom Fritz über Skype zugeschaltet. Er sprach aus Wien zu uns über die Motivation durch Musik und den Einfluss auf die Hirnplastizität. Er demonstrierte via Video, wie man mit Bewegungsgeräten rhythmisch Musik machen kann. Subjektiv wird die Kraftanstrengung durch das sogenannte Jymmin
(Musik-feedback-Training) nur ca. halb so streng empfunden. Tom Fritz kam bei einem Afrika-Aufenthalt darauf. Es werden nun Versuche mit Sonderschülern, Alzheimerpatienten und Senioren gemacht. Chronische Schmerzpatienten und Patienten in einer Koma-Klinik sind nun die nächsten Test-Gruppen. Siehe: www.jymmin.com
Musik stimuliert die Bewegung, das wissen wir alle. Das Musik-Feedback-Training bringt aber noch viel mehr als das passive hören.

Motivierende Gesprächsführung ist eine Haltung und soll eine partnerschaftliche Beratung und evokativ sein. So fing Dr. Sabin Bührer ihr Referat an. Die Verantwortung für die Veränderung liegt beim Gegenüber, was entlastend sein kann.
Es geht um dessen Wissen über die Wichtigkeit einer Verhaltensänderung (es ist mir wichtig!), über die Veränderungsbereitschaft (jetzt mach ich das!) und das Wichtigste: die Selbstwirksamkeit (ich kann das). Ein Übungsprogramm abgeben ohne Nachkontrolle, ob die Person das kann, sei ein Kardinalfehler.
Des Weiteren erklärte sie das Modell Rubikon = geschichtlich, als Sinnbild für  den steinigen Weg der Veränderung.
Das Einschätzen der Veränderungsbereitschaft ist ein wichtiger Skill für uns. Herausfinden kann man dies nur, indem man die Patienten fragt.
Sie nannte die 4 Phasen der motivierenden Gesprächsführung:
Beziehungsaufbau - Fokussierung - Evokation - Planung
und die 5 Basisfertigkeiten:
  1. aktiv, reflektierendes Zuhören
  2. Offene Fragen stellen (der Lösung ist es ziemlich egal wie das Problem aussieht)
  3. Würdigen und loben tut nicht nur uns gut...
  4. Zusammenfassen zeigt dem Gegenüber was ich verstanden habe und ist ein gutes Steuerelement. Denn da wo ich weiter will, das nenne ich als Letztes. Dort hängt meist mein Gegenüber ein.
  5. Nachfragen, ob man einen Tipp abgeben darf aber ohne Drohfinger.

Bei einem ausserordentlich hervorragenden Stehlunch herrschte reger Austausch über das Gehörte. Die Sonne und das schöne Ambiente am See unterstrich die Verschnaufpause.

Mit Mara Völlmin startete der Nachmittag. Sie brachte den Zuhörenden das Patientenmanagement-Modell der Reha Rheinfelden näher. Im eigentlichen geht es darum, dass die Patienten für ihren Aufenthalt eine Bezugsperson erhalten.
Diese Person ist federführend für die Therapie-, Kommunikations- und Austrittsplanung. Als Rückmeldung schätzen die Patienten diesen Kontakt zu einer Bezugsperson sehr. Das schlägt sich in einer wesentlich erhöhten Patientenzufriedenheit nieder.

Caroline Bachmann berichtete über ihre Forschungsergebnisse zum Thema Verbesserung der Adhärenz bei Heimübungsprogrammen. Es wird vermutet, dass ein Nicht Einhalten des Übungsprogrammes bei ca. 70% der Patienten liegt.
Zwei Faktoren heben sich heraus: die Führung durch den Therapeuten und die Unterstützung durch Familienmitglieder.
Sie empfahl nicht zu viele Übungen abzugeben - maximal 4 Übungen sollten ausreichen.
Langweilige Übungen, das Nichtgefallen des Programms und sich müde fühlen sind ebenso hohe Killerfaktoren. Will heissen: versuche nicht zu viele aber dafür spannende Übungen zu instruieren.

Martina Cantieni zeigte als letzte Referentin mit ihrem Beispiel aus der Praxis wie man ein motivierendes Gespräch führen kann. Sie fragte, ob es wohl nur schwierige Patienten gebe oder ob es möglich sein könnte, dass eventuell wir auch ein bisschen schwierig seien...
Über eine Videoeinspielung konnten alle an diesem Gespräch mit Röbi teilhaben, einem nicht adäquaten Probanden. Für den Mut die Sequenzen zu zeigen, auch wenn Martina Cantieni in diesem nicht gestellten Gespräch manchmal fast an die Grenzen ihrer Gesprächskunst kam, brachte ihr einen Zusatzapplaus ein.
Ziemlich pünktlich um 15.45 Uhr wartete ein erfrischender schon fast obligater Postéro auf alle, und gut eine Stunde gingen die regen Gespräche am See weiter, bis nach und nach alle von einem wohl sehr gelungen Symposium mit einem aktuellen und wichtigen Thema nach Hause aufbrachen. Hörten wir doch, dass nicht nur 50 sondern zum Teil bis über 80% es die Kontextfaktoren sind, die zum Ziel führen und nicht unsere Techniken.
Ein herzliches Dankeschön an alle Mitwirkenden und Helfer. Einen Extradank aber an Kurt Luyckx, der mit Rorschach 2018 einmal mehr federführend ein ganz besonderes Symposium auf die Beine gestellt hat.
Christof Wehrle & Sandro Krüsi
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